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Quartier Söhnlein

In der Sitzung am 17.11.2004 wurde dem Ortsbeirat Wiesbaden-Schierstein das Projekt vorgestellt, aus dem damals ungenutzten Söhnlein-Gelände südlich des ehemaligen Schiersteiner Bahnhofsgebäudes ein Wohngebiet zu machen:
  Protokoll des damaligen Tagesordnungspunktes

Zur Geschichte das Grundstücks finden sich interessante Ausführungen in der Dissertation von Barbara Kaufhold, die unter Mitwirkung des Söhnlein-Henkell-Archivs entstanden sind:


1892 erwarb Söhnlein das Gelände der ehemaligen „Portland Cementfabrik Bertina & Pfeiffer“, das vor allem wegen seiner Lage an der Rheinbahntrasse attraktiv war. Dort konnte 1895 die „Bahnkellerei“ als Grundweinkellerei am Schiersteiner Bahnhof eingeweiht werden. Die Züricher Architekten Pfleghardt und Haefeli haben die Kellergewölbe denen des Kloster Eberbach nachempfunden.

Diese Keller, mit der die Firma an die ehrwürdige deutsche Weinbaugeschichte anknüpfen wollte, stellten bei Kellerei-Führungen eine besondere Besucher-Attraktion dar.

Die relativ junge „Schaumweinfabrik“ der Aktiengesellschaft erhielt durch die Kellerbauten im Stil Kloster Eberbachs den Flair der altehrwürdigen Tradition, die nicht an ein kommerzielles Unternehmen, welches als Ziel die Gewinnmaximierung verfolgt, denken ließ. Zusätzlich erhielt die Sektproduktion eine Art „Gütesiegel“, da Eberbach (bis heute) für Seriosität und beste Qualität steht.

Anders als Otto Henkell zeigte J. J. Söhnlein einen sparsameren Geist: statt eine komplett neue Anlage zu errichten, wurden einige Gebäude der alten Zementfabrik übernommen und z. T. umgebaut. Darunter waren zwei Wohnhäuser, ein Maschinenhaus (das zur Prunkhalle umgestaltet wurde), zwei Schornsteine (der des Ringofens wurde zur Be- und Entlüftung des Fasskellers genutzt), dessen Basis Friedrich Wilhelm Söhnlein später in ein privates Wein- und Flaschenlager umwandelte worden ist; aus dem Schornstein des Schachtofens wurde ein Wasserturm), das Gasometer, die sogenannte „Gasfabrik“ und der Anschluss an die Rheinbahntrasse. Bei dieser Kellereianlage ist es dann geblieben.

Der Wasserturm sollte 1895 unter anderem Toilettenanlagen (im Fuß des Wasserturms und an der Prunkhalle) mit Wasser versorgen. Ob die zu der Zeit modernen „Watercloset“-Anlagen bereits unter J. J. Söhnlein oder erst unter Friedrich Wilhelm in Betrieb genommen worden sind, ist nicht belegt.

In den Kellern und dem darüberliegenden Erdgeschoss wurden Fässer mit Grundwein gelagert, in dem letzteren dürfte auch die Tirage (Füllungslikör) hergestellt und die Hefe als auch Wein angesetzt worden sein. Das Erdgeschoss hatten die Architekten Pfleghardt und Haefli mit „Wandelhallen“ und Laubengängen umgeben. Diese Verschönerungsmaßnahmen erfüllten den praktischen Zweck der besseren Klimatisierung des Grundweinlagers.

Die Prunkhalle wurde mit einer umlaufenden Galerie und einem gotisierenden, mit floralen und Weinreben-Motiven bemaltem Gipsgewölbe ausgestattet. Der Umgang unter der Galerie erhielt ebenfalls gotisierende Gewölbedecken. Mit seinen Spitzbögen, den mit Weinlaub und Trauben dekorierten Säulen und den hohen neogotischen Fenstern gewann der Saal einen feierlich-sakralen Charakter. Den Mosaikfußboden zierten an den vier Ecken seiner äußeren Bordüre die Motive je eines Rheingoldglases und eines Sektkometen.

Schon J. J. Söhnlein vermietete den Prunksaal als Festraum. Zeitgenössische Fotografien zeigen ihn mit aufwendig gedeckter Sekttafel, Palmen auf der Galerie und in den Umgängen und der „Kaiserbüste“.

Vor der Prunkhalle an der westlichen Ecke der Bahnkellerei steht die stattliche „Bismarckeiche“[1], die, 1895 noch als Eichensprössling aus dem Sachsenwald, als Gegengabe für ein Sektgeschenk an den Reichskanzler ankam. Nahe der Eiche wurde eine Gedenksäule, die eine eingelassene Kupferplatte mit einem Bismarckportrait zierte, angebracht, um die gesuchte Verbindung zu betonen.

Der alte J. J. Söhnlein blieb sparsam. Auch die alte Hofreite an der Wilhelmstraße[2] wurde als „Alte Kellerei“ weiterhin benutzt, sehr wahrscheinlich ebenfalls als Grundweinlager. Zur Versektung transportierte man die Weinfässer und Hefebehälter von der Bahnkellerei auf Pferdefuhrwerken in die eigentliche „Sektfabrik“, die Hauptkellerei. Zur Sicherung der Produktion der Marke RHEINGOLD schloss Söhnlein 1877 einen Vertrag mit der Fürstlich von Metternich-Winneburgischen Domäne Schloss Johannisburg. Diese sicherte der Fabrik auf 10 Jahre die stete Lieferung von Fassweinen besonderer Qualität und wurde schon in den frühesten Annoncen abgebildet. Ein Versuch Söhnleins 1899, diese Domäne zu erwerben, glückte nicht.

Quelle:
 
Dissertation von Barbara Kaufhold, Seite 156 bis 157

[1] Mehr zur Bismarckeiche finden Sie bei Interesse hier:
  Bismark oder Bismarck in Schierstein?

[2] Die Schiersteiner Wilhelmstraße heißt heute Reichsapfelstraße:
  Schiersteiner Ortsplan von 1944



Bauten des „Quartiers Söhnlein“ an der Schneebergstraße im Juli 2020,
im Vordergrund das Turmhaus, am Ende der Straße St. Peter und Paul
Foto: © Walter Richters


Zum Wohnhaus umgebautes Turmhaus an der Schneebergstraße im Juli 2020,
im Hintergrund die Bismarckeiche
Foto: © Walter Richters


Grundwein-Gewölbekeller, inzwischen Teil der Tiefgarage, im Juli 2020
Foto: © Walter Richters

Die Umwandlung in ein Wohngebiet wurde dann in drei Abschnitten durchgeführt. Zunächst wurde im östlichen (bei St. Peter und Paul) und im westlichen Teil (Freudenbergstraße) gebaut, da es hier keine weiteren wesentlichen Probleme zu lösen gab. Der mittlere Teil wurde zunächst zurückgestellt, weil dort bei drei Objekten (Prunkhalle mit Prunksaal, Gewölbekeller und Turmhaus) der Denkmalschutz ein Wörtchen mitzureden hatte.

In seiner Sitzung am 09.11.2016 erhielt der Ortsbeirat dann dazu folgende Informationen:

  • Die beiden Seitenteile des Prunksaals sollen zu Wohnungen umgebaut werden, der Prunksaal selbst als großzügige Loftwohnung mit einer zusätzlichen Zwischendecke und viel Glas gestaltet werden, damit die Stuckdecke bis zu einem gewissen Grade sichtbar bleibt. Hier gibt es allerdings noch keine endgültige Einigung mit dem Denkmalschutz.
  • Der schöne Gewölbekeller wird als Erweiterung der neuen Tiefgarage dienen und vom Garagenneubau über eine schräg abfallende Rampe erreichbar sein. Die Gesamt-Garagenanlage erstreckt sich vom Haus, das rechts neben der auf dem Bild sichtbaren Einfahrt steht, bis zum Turmhaus und soll über drei Aufzüge verfügen, davon zwei im Bereich des ehemaligen Gewölbekellers. Eine andere Nutzung des historischen Kellers, etwa als „Location“, ist offenbar unter anderem daran gescheitert, dass der jetzige Eigner Henkell oder der zukünftige Betreiber dann an anderem Ort eine erhebliche Anzahl PKW-Stellplätze hätte nachweisen müssen.
  • Das Turmhaus wird innen modernisiert. Außerdem wurden wohl ein Anbau und gewisse Anpassungen der Fassade (Fenster) erlaubt. Anschließend soll das Gebäude als Wohnhaus verkauft werden.
  • Die gesamte Baumaßnahme wird nach der Sommerpause 2017 abgeschlossen sein.

Siehe dazu auch:
  Protokoll des damaligen Tagesordnungspunktes

Die letzten beiden Punkte sind umgesetzt. Den Zustand der Prunkhalle 2020 zeigt das nachstehende Bild.


Die ehemalige „Söhnlein-Prunkhalle“ im Juli 2020
Foto: © Walter Richters


Und vielleicht auch noch eine kleine Geschichte zum Spielplatz auf dem Gelände. Der alte Spielplatz an der Ecke Schneebergstraße / Alfred-Schumann-Straße wurde ziemlich als erste Maßnahme „platt“ gemacht. Da er ein gerne genutzter Ort für einzelne Gruppen von St. Gabriel war, hatte Herr Kratz vom zuständigen Ingenieurbüro damals versprochen, mit Priorität für Ersatz zu sorgen. Aber wie so manche Versprechen von Herrn Kratz …

Erst als der mittlere Teil als letzter Bauabschnitt angegangen wurde, stand auch ein Spielplatz-Grundstück zur Verfügung. Es gab nur peinlicherweise keinen Zugang. Die Schildbürger lassen grüßen. Der östlich am Grundstück entlang laufende Weg ist nämlich Privatstraße, und die Besitzer wollten keinen Zugang von dort dulden. Von der Schneebergstraße ging es auch nicht, weil dort die das ganze Terrain umschließende Mauer stand, von der der Denkmalschutz keinen weiteren Zentimeter hergeben wollte. Es bedurfte des intensiven Einsatzes der damaligen AG Jugend des Ortsbeirats, um eine Kompromisslösung zu finden. Es durften dann doch noch ein paar Zentimeter Mauer abgetragen werden, damit ein Zugang für Kinder und Eltern von der Schneebergstraße direkt neben der Einmündung der Privatstraße möglich wurde. Im Gegenzug haben sich die Eigner der Privatstraße bereit erklärt, dem Grünflächenamt eine großes, normalerweise verschlossenes Tor und die Anfahrt von ihrer Straße für Servicefahrzeuge zu erlauben. Es musste also doch kein Tunnel unter der Schneebergstraße gegraben werden.